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18.08.26

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Drei Tiere und ein Baum

Was haben Wölfe, Bieber und Bienen gemeinsam? Äußerlich definitiv nicht viel, aber wissenschaftlich betrachtet sind alle drei Schlüsselarten oder Schlüsselspezies (keystone species) weil sie einen überproportionalen Einfluss auf die Biodiversität in den Ökosystemen haben in denen sie leben. Welche Funktion sie in ihrem Lebensraum haben ist sehr unter- schiedlich.

PRÄDATOREN...

... wie Wölfe sind im Wald- und Forstschutz tätig indem sie die Reh- und Hirschpopulation im Zaum halten. Rehe und Hirsche lieben nichts so sehr wie frische Triebe, Knospen und Baumrinde, und seit Jahren lässt sich in den Forstberichten nachlesen was passiert, wenn es zu viel Rehwild gibt: der Wald hat keine Chance, klimagerechtes Aufforsten von Mischwäldern ist so gut wie unmöglich. Wölfe helfen also dem Ökosystem Wald. Dass es für Wölfe in dicht besiedelten Regionen einfacher ist, sich auf einer Weide zu bedienen als im Wald einem Reh hinterherzurennen hat weniger mit Ökologie denn mit Politik zu tun, und um die geht es hier nicht. Bären sind ebenso Prädatoren, fressen aber auch mit Vorliebe Beeren und tragen über die Ausscheidung von Kernen und Samen zu deren Verbreitung bei. In den Wäldern des pazifischen Nordwestens der USA verspeisen sie frisch gefangene Lachse gern im Schatten eines Baumes, die Reste lassen sie liegen und liefern damit wert- vollen Dünger.

ÖKOINGENIEURE...

... wie Biber haben einen großen Einfluss auf den Wasserhaushalt in ihrer Umgebung. Deren Dämme schaffen Feuchtgebiete aber auch Teiche und damit Lebensräume für Vögel, Insekten und Amphibien. Außerdem verlangsamen die Dämme die Fließgeschwindigkeit von Bächen und Flüssen und verhindern dadurch Überschwemmungen nach Starkregen oder langer Regenperioden.


MUTUALISTEN...

... sind Tiere, deren Beziehung zu Pflanzen durch beiderseitigen Nutzen gekennzeichnet ist. Bienen bestäuben eine Vielzahl von Blütenpflanzen und erhalten "im Austausch" Nektar und Pollen. Auch Rinder und andere Wiederkäuer gehören zu den Mutualisten: Wildrinder und Graslandschaften wie Steppen und Prärien haben sich durch Koevolution entwickelt. Nur Wiederkäuer können Gras in für sie nutzbare Kalorien umwandeln, umgekehrt muss Gras beweidet werden um zu wachsen.


APFELBÄUME...

... sind wissenschaftlich betrachtet keine Schlüsselspezies. Per Definition verändern Schlüsselarten ein Ökosystem nachhaltig und eine Welt ohne Wölfe, Biber oder Bienen sähe tatsächlich völlig anders aus. Ohne Apfelbäume würden sich Ökosysteme nicht verändern, dafür aber unsere gesamte Kulturgeschichte.




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ÄPFEL, DIE KULTURELLE KEYSTONE SPEZIES

Es war der russische Agronom, Genetiker und Biologe Nikolai Vavilov1, der 1929 die Region des genetischen Ursprungs von Äpfeln bestimmte: das Tian-Shan-Gebirge in Kasachstan. Noch heute wachsen an den Berghängen Apfelwälder, die wilden Vorfahren all der domestizierten Äpfel, die wir heute essen oder zur Getränkeherstellung verwenden. Die Hauptstadt Kasachstans trägt dem im Namen Rechnung - Almaty bedeutet "reich an Äpfeln" oder "Vater der Äpfel". Über Handelswege wie die Seidenstraße breiteten sich Äpfel langsam nach Westen aus und wuchsen bald im gesamten Mittleren Osten. Die Römer wussten sie zu schätzen, nicht nur als frische Früchte, sondern auch in Fleischgerichten, in denen Äpfel für eine perfekte Balance von Süße, Säure und Salz sorgten. Die britischen Inseln und andere Außenposten des römischen Reiches waren nicht eben reich an kulinarischen Genüssen, weshalb es Sinn ergab, die Esskultur von daheim in Form von Apfelbaumsetzlingen mitzubringen.

taz.de/Russischer-Botaniker-und-Genetiker/!5462530/

ÄPFEL EROBERN DIE NEUE WELT

Vor der Ankunft europäischer Siedler waren Äpfel in Nordamerika unbekannt. Äpfel sind robust, sie wachsen in beinahe jedem Boden und kommen mit unterschiedlichsten Klimata zurecht, alles was sie brauchen ist eine Ruhephase im Winter, sogenannte Kältetage. Auswanderer nehmen aus der alten Heimat mit, was ihnen für das Leben in der neuen existenziell wichtig erscheint und für viele von ihnen waren das Apfelsetzlinge: Bündel mit Reisern überlebten die Reise über den Atlantik eng gepresst in Fässern, und von dort nach Westen. Schon früh versorgten Baumschulen Neuankömmlinge mit neuen, klimatisch angepassten Apfelbäumen. Der Transport erfolgte per Post, zunächst per Kurier und Postkutsche, später per Eisenbahn. Das Montezuma Orchard Restoration Project2 im Süden Colorados erhält einige dieser inzwischen mehr als 200 Jahre alten Bäume und dokumentiert ihre Geschichte. Äpfel waren nicht nur als frische Früchte begehrt, man kann sie einkochen, trocknen und sie zu Most oder Cider verarbeiten. Damals oft das einzige "sichere" Getränk, Wasser war meist mit Keimen belastet und musste abgekocht werden. Und diese Eigenschaft machte den Most auch in Schwaben schon früh zum "Nationalgetränk".

2 montezumaorchard.org

GASTBEITRAG: Marianne Landzettel, Korrespondentin der Unabhängigen Bauernstimme | FOTOS: Martin Kunz | ILLUSTRATION: Ronja Koresin